Auf der Couch

Sonntag, 16. November 2008

MANDY UND ROXANA ERÖFFNEN EIN BISTRO-CAFÉ IN MITTE

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"Ja, ein Neustart ist eine gute Idee, Frau Roxana. Aber meinen Sie nicht, dass der Name des Lokals eine gewisse Schwere hat? Dass Sie durch die Namensgebung unbewusst Ihren Pessismismus angesichts der Existenzgründung Ausdruck verliehen haben?"
"Dit is ja voll falsch jedacht. Ick hab det doch als Treffpunkt für Austherapierte konzipiert. Hab da bei Bonnie n janz jewieften Macka kennjelernt. Ronny. Sozialpädagoge aus Lichtenberg. Der hat jesacht - Roxy: Roxy durfte der zu mir sagen, die coole Sau, jedenfalls hat er jesacht: Roxy - mach Gruppentherapiestammtische. Berlin is voller Frustis, die keene Therapieverlängerung kriegen und trotzdem wat brauchen, wo se sich auskotzen könn."
"Mandy, Sie wirken etwas zögerlich?"
Ertappt, entknüddelt Mandy ihr Zewa Softi unter Roxanas warnendem Drohblick.
"Tja also. Ick ick ick ick hab der Roxy jesacht, dit is vlei doch zuuu düster mitte Melancholie und ma will ja nich lauter Depris den janzen Tach um sich sieben Tage die Woche und auch an Feiertagen und et wär doch schau, wenn man jlobalisiert denkt - so, wie wenn ick jetzt Curry 36 wär, denn würd ick doch soooofort ne Filjale auf Malle uffmachen. Und lass et uns Melacholie EINS nennen, denn wissen doch die Leute, det ma mit uns echt rechnen muss! So, als wenn et ooch Melancholie 2 und 3 gebe. Und wer weiß. Kann ja ooch noch."
Roxana nickt anerkennend und Mandy weiß, dass es eine Zukunft für die beiden geben wird. Zwei Jahe Gruppentherapie haben selbst Roxy ein kleines bisschen ausgehöhlt. Der Vorschlag zu einem Kompromiss hätte noch vor einem Jahr zu einem Satz heißer Mandy-Ohren geführt.

Samstag, 10. November 2007

GLAM KANN KEIN Ö

Passend zur Jahreszeit hat sich Don Dahlmann für die Mindestens Haltbar-Seite ein schönes Thema ausgesucht, mit dem alle richtjen Blogger etwas anfangen Können: Depressionen. Und da hab ich ein bisschen im Archiv gewühlt und eine kleine Collage gebastelt. Und weil es etwas perfide wäre, in diesem üblen November die Leserschaft über Gebühr zu deprimieren kann ich nun sagen - beim Lesen viel Vergnügen!

Und das mit dem "ö" muss beim Konvertieren passiert sei, seid versichert, ich kann auch ö. Sogar in grÖß.

Freitag, 4. Mai 2007

GLAM GEHT EINEN SCHRITT NACH VORNE

Eine hatte ich ja noch im Ärmel. "Die nehmen sie, wenn sie das Gefühl haben, dass sie sie gut brauchen könnten. Sei es, dass Sie merken, dass Sie weitermachen möchten oder auch, wenn Sie ein Resumee ziehen möchten."
Therapiestunde. Nicht irgend eine Pille. Und gestern war es dann soweit. Ich dachte, das passt ganz gut jetzt, mit dem neuen Job, der mich in alte und neue Schwierigkeiten bringt. Dem Druck und Stress, dem ich mich aussetze und der nach wie vor Symptome produziert. Und gemeinsam stellten wir fest, dass seit meinem letzten Besuch neun Monate vergangen sind. In denen habe ich sie allerdings oft im Ohr gehabt, die Fragen, die sie mir stellen würde betreffs der Gefühle, Einschätzungen und Zweifel, die ich habe. Und die die Vorzeichen verändert haben, die vor meinem Blick auf die Welt stehen.
"Das freut mich sehr, Herr Dick, dass jetzt alles so gut läuft. Ich hatte schon die Befürchtung, dass Sie den Termin machten weil etwas Schlimmes passiert ist. Aber Sie haben die Zügel ja wieder gut im Griff!"
Na ja, Ängste habe ich noch. Zweifel. Mitunter ein Unbehagen, wenn ich unter Menschen bin. Aber das haben ja alle anderen auch. Und ich habe in meiner Therapie einen Haufen Mechanismen gelernt, Rüstzeug mitbekommen. Ich habe jetzt eine sehr weise, feine Stimme im Ohr und eine dazugehörende Lady vor Augen, in den Momenten, wo das Unbehagen nach mir greift. Und oft genug rutscht das Unbehagen dann an mir ab.
"Und ich würde mich sehr freuen, mal wieder von Ihnen zu hören. Einfach so, wie es ihnen geht, was Sie machen. Melden Sie sich doch mal!"

Zwei Jahre. Arbeitsunfähigkeit, Reha, Einzeltherapie, Gruppentherapie. Ein langes Kapitel. Das ich jetzt mal vorsichtig schließe. Ich kann nur jedem Angstpatientem empfehlen, diesen Schritt nicht erst mit Mite 30 zu tun.
Dafür ist das Leben zu kurz.
Dafür ist das Leben zu schön.
Und ich fühl mich auch nicht zu alt
Und ich lauf
Ich pass gut auf mich auf, ich pass gut auf mich auf...




(Die Dame in Blau und Gelb ist die amerikanische Nachbarin.)

Montag, 5. März 2007

ROXANA CALLING

Sie haben einen unbeantworteten Anruf. Und zwar Sonntagmorgen um 7.00. Wer will mich denn da ärgern, frag ich mich und ruf zurück.
"Hey - Da biste ja Glam!
Die Stimme ist mir nicht unbekannt, aber der Groschen fällt seit 2nd Life langsamer.
"Ja, da bin ich - und mit wem sprech ich?"
"Na icke - Roxana!"
Mir wird ein ganz doll wenig flau im Magen.
"Die Nummer ha ick von Mandy jekricht. Ick musst ihr janz schön den Arm umdrehen."
"Oh!" Neben flauem Magen nun auch kalter Schweiß.
"Hargh hargh - war nurn Scherz."
Ich schlucke. "Und wie geht´s Dir So, Roxana?"
"Für Dir Roxy - weeßte doch. Na deshalb ruf ick an. Ick fahr wieder ein. In drei Wochen."
"Reha?"
"Die jleiche wiet letzte Ma. Ick freu ma schon."
(Sie freut sich.)
"Ist irgenwas passiert?" Das letzte Mal war es wegen der Vergewaltigung, der Arbeitslosigekit und der tristen Lage in MeckPom an sich per se als solches.
"Na ick würd sagen wejen det Mobbing?"
"Du bist gemobbt worden?" Unvorstellbar, dass jemand sich Roxy in den Weg stellt!
"Nee - ick hatte den Job in der Konditorei und meene Kollejin und ick, wir ham die andere Verkäuferin jemobbt, boah die war aber ooch scheiße Mann. Denn bin ick vor die Tür jesetzt worden und nu fahr ick wieder ein. Und deshalb ruf ick an. Hast Lust ma vorbei zu kieken?"
Und seltsamerweise bemerke ich, dass mir Roxys direkte Art, ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen in letzter Zeit gefehlt hat.
"Kannste Dir druff verlassen meene Sonne. Ick komm Dir besuchen."
"Dit wusst ick, Glam, det ick ma uff Dir valassen kann. Echt knorke."

Donnerstag, 5. Oktober 2006

PSYCHO SOMA DEUX: SOMA-DICK´S GUIDE TO SUCCESSFULL PSYCHOTIC CO-DEPENDENCE

Und so können auch Sie in fünf einfachen Schritten zum Psycho-Magneten werden:
1 - Achten Sie stets auf Ihr äußeres Erscheinungsbild. Psychos mögen hübsche Menschen, da diese sie aufwerten.
2 - Offenbaren Sie den Psycho-Anteil in sich selbst und schaffen Sie so die Grundlage für beinahe beidseitiges Vertrauen.
3 - Zeigen Sie Einfühlungsvermögen! Nichts liebt ein Psycho mehr, als wenn Sie sich seine Gedanken machen. So hat er Hände und Geist frei für geistesungesunde Schandtaten.
4 - Seien Sie hilfreich! Zeigen Sie Ihrem Psycho Wege aus dem Elend. Öffnen Sie ihm Türen, damit er an jeder davon den Schwanz einziehen kann. Dann weiter mit Punkt 3. So beginnt ein intensiver emotionaler Zyklus, an dem Sie lange Freude haben werden!
5 - Geben Sie niemals auf! Je mehr Sie sich kümmern und bemühen, desto aufregender wird Ihr Psycho. Er weiß schließlich was er an Ihnen hat und wird Ihnen die Bemühung mit unzähligen unterhaltsamen Episoden lohnen.

Dienstag, 6. Juni 2006

GLAMNAMBUL oder DAS KABINETT DER LADY MACDICK

"Sleepwalkers engage in their activities with their eyes open so they can navigate their surroundings, not with their eyes closed and their arms outstretched as parodied in cartoons and Hollywood productions. The victims' eyes may have a glazed or empty appearance and if questioned, the subject will be slow to answer and will be unable to respond in an intelligible manner.
While sleepwalking itself does not inherently pose a health concern, accidents may happen as the subject is performing actions without the control of conscious mind. If the walker commits a criminal offence while asleep, the defence of automatism may be available (see automatism (case law) for a detailed discussion of the laws in various countries).
A common myth surrounding this disorder is that one should never wake sleepwalkers while they are engaged in the activity. In truth, there is no implicit danger in waking sleepwalkers, though the subjects may be disoriented or embarrassed when awakened. The danger lies not in the fact that something might happen to the sleepwalker, but to the individual doing the waking, as occasionally the sleepwalkers get aggressive when interrupted. Although the majority of the time, nothing happens, it is not unheard of for assaults or even homicide to occur (though the latter is extremely rare). However sleepwalkers are much more likely to endanger themselves than anyone else. When sleepwalkers are a danger to themselves or others, (for example, when climbing up or down steps or trying to use a potentially dangerous tool such as a stove or a knife), steering them away from the danger or even waking them is advisable. It has even been reported that people have fallen out of windows while sleepwalking and died as a result.
While sleepwalking, conductor Harry F. Rosenthal has sat up in bed, conducted, and vocalized instruments, according to his wife.
Sleepwalking is a major theme in the classic silent German Expressionist film Das Kabinett des Dr. Kaligari (English title: The Cabinet of Dr. Caligari) 1919.
In Shakespeare's famous play Macbeth, Lady Macbeth is mentioned to be a sleepwalker, leading up to her eventual madness and suicide."

(Quelle: Wikipedia)

Wie psycho ist eigentlich noch vertretbar?
du
MUSST
C A L I G A R I
WÄRRRRDÄNNNN! (keine Angst, only joking.)

Mittwoch, 24. Mai 2006

WEITERMACHEN, GEMINI

Stellen Sie sich vor, Sie sind 36, haben gerade ihren Job verloren. Der Imageverlust ist beträchtlich. Eine Liebschaft, von der Sie sich viel versprochen haben, ist ziemlich brutal in die Brüche gagangen. Ihr Alkoholkonsum ist alarmierend und trotzdem wird der Alarm von Freunden und Bekannten (zurechnungsfähige Verwandte gibt es nicht) ignoriert. Dazu kommen die anderen Drogen. Alle verschreibungspflichtig. Alle verschrieben von unterschiedlichen Ärzten, die vom jeweils anderen nichts wissen (wollen). Ihr bester Freund ist Ihr Psychoanalytiker. Er führt sie zurück in die Wurzeln ihres Schmerzes: Konfrontieren, widerholt vergegenwärtigen, Exorzieren. Nur dass das mit dem Exorzieren nicht so recht klappen will. Sie sehen ihn bis zu fünfmal die Woche, und auch am Wochenende ist er Tag und Nacht zu erreichen. Auch er verschreibt Choralhydrat gegen die Schlaflosigkeit. Dann ist da noch Ihr Schauspiellehrer, der Ihnen mit Method-Acting zu Ruhm und Anerkennung verhelfen will. Sie tauchen täglich tief in das Elend Ihrer Kindheit, die größtenteils in Pflegefamilien verbracht wurde, bei Pflegefamilien, die dafür eine staatliche Zuwendung bekamen, unterbrochen von dem einen und anderen Aufenthalt im Kinderheim, wenn es mal wieder nicht so recht klappte (Feindseligkeiten mit anderen Geschwistern, Übergriffe durch männliche Familienmitglieder). Ihre leibliche Mutter verbringt die meiste Zeit ihres Lebens in Nervenheilanstalten, ihr Vater ist unbekannt.

strickjacke

Wenn Marilyn wirklich Selbstmord begangen hat (und sie hatte schon aus rein existentiellen Gründen jeden Anlass für eine schwere depressive Episode und Drogensucht), dann ist sie ein Opfer der Psychoanalyse. Ich frage mich, was aus ihr geworden wäre, wenn sie eine Verhaltenstherapie gemacht hätte. Da geht es nicht permanent um die Bewältigung der Kindheit, sondern um´s Umbewerten und Weitermachen.

Montag, 1. Mai 2006

UND WO WAREN SIE IM SOMMER 2005?

Aus der Distanz hat es schon wieder etwas sehr belustigendes: ein Saal, in dem 200 Menschen mit den unterschiedlichsten Frühstücksgewohnheiten sitzen und darauf warten, dass der entkoffeinierte Kaffee und die Antidepressva kicken. Das alles noch vor Aufstehenszeit, 7.30 Uhr, denn um 8.15 ist bereits Appell. Da wird dann erläutert, ob Rudern stattfindet oder wegen des Dreckswetters ausfällt (fuckit, wegen des Ruderns habe ich mich für dieses Haus entschieden!), ob Frau Dr. H. wieder gesund ist, und dass um 8.45 Depri in der Aula ist, gefolgt von TSK (Training Sozialer Kompetenz).
Da sitzen sich beim Frühstück also eine brandenburgische Verwaltungsfachangestellte, ein Polizist aus Eberswalde, eine Berliner Karstadtverkäuferin (Karstadt Wedding), ein gestrandeter TV-Schrott-Autor und noch eine Polizistin gegenüber. Reden übers Wetter und ob der Zusammenbruch des neuzugegangenen Vergwaltigungsopfers ("Die Finger wollten sie mir abschneiden, die Schweine - mit einer Kneifzange!") noch in zumutbarem Rahmen war. (Es steht 3 zu 2). Und nach dem Frühstück geht man eine rauchen und auf der Heulbank mit Seeblick werden bereits die ersten Tränen des Tages vergossen. Das ist Monika. Auf Monika ist Verlass. Denkt man. Und dann werden ihre Medikamente umgestellt und eines Morgens strahlt sie mit dem Wolken um die Wette.

Sonntag, 12. März 2006

GEDULDIG UND FRIEDENSREICH oder GLAM, DAS LAMM, EXPOSED

glamlamb12-3-06

Man nehme einen Tag, keine beliebigen, einen mit besonders viel Stressfaktoren - der Deutschen liebster Einkaufstag, Samstag. Es schneit. Der Schneematsch spritzt, wie es sein Anliegen ist, auf die Trottoirs während Glam und Lucky sich im silbernen Wagen in Tempo 28 durch ausgewiesene 50er Zonen quälen. Doch sie quälen sich nicht. Sie scherzen, fluchen nur manchmal ein wenig, aber sonst wären sie ja wohl auch keine Berliner. Lucky hat ein neues Bad und eine neue Küche - beide wollen möbliert sein. Glam möchte das Alphabet in seine Musiksammlung bringen, dazu benötigt er ein ansehnliches CD-Aufbewahrungssystem, die beiden befinden sich somit auf der Road to Ikea. Der Parkplatz lässt vermuten, dass auch einige Tausend andere Berliner das schlechte Wetter nutzen, um bei Ikea das Bistro zu stürmen, hat es doch mehr Flair als Burger King oder eine Döner-Dependance. Die Mutter-Kind-Parkplätze sind belegt, die schwulen Parkplätze immer noch nicht eingerichtet, also parkt man weit hinten, außen. Plätze, die man keinem Theatergänger verkaufen würde mögen, handelte es sich um ein Theater und keinen Parkpklatz. Durch Schlamm und Modder stiefeln die beiden ins Einrichtungshaus. Dort angekommen müssen sie sich nicht mehr selbst bewegen, sie werden getragen wie in einem Strom. Wäre es jetzt doch ein Theater, dann glitten Lucky und Glam als Stagediver druch die Massen. Das Einkaufswägelchen überfüllt sich mit Zauberhand, die unförmigen CD-Aufbewahrungsmöbel-Pakete verweigern störrisch den Transport, an der Kasse stehen nur ein Dutzend Menschen vor einem, Man ist als nach gut zwei Stunden wieder auf dem Parkplatz, der praktischerwese an einen Baumarkt grenzt. Dort schlägt Glam ein Schnäppchen (Scheibenwaschanlagenwasser mit Frostschutz bis -30° für nur eins achtenfuffzisch.) Und Lucky fällt ein, dass er vergessen hat, sich einen Duschvorhang zu kaufen.
"Macht doch nix. Gehst Du halt nochmal rein. Ich kauf mir am schwedischen Lebensmittelstand eine Flasche Vanille-Vodka, derweil."
Lucky holt Duschvorhang, Glam Vodka. Glam knabbert an einer Tafel Apfelsinenkrokantschokolade und schaut sich nach attraktiven Männern um. Das Warten macht ihm gar nichts aus, fällt ihm dabei auf. Er steht in einer wabernden Menschenmasse und ist die Ruhe selbst. Und das, obwohl er vor Wochen das Johanniskraut abgesetzt hat.

"Wollen wir noch zu Kaisers?"
"Na wenn schon denn schon".
Bei Kaisers ist es nicht ganz so voll, das geht also ruckzuck. Voller Vorfreude auf die Basteleaktion die vor ihm liegt, liefert Glam Lucky zu Hause ab und vergisst über der Vorfreude aufs Möbelschraubem, dass die beiden Benno-Regale in weiß erstmal in den 5. Stock transportiert werden müssen. Aber auch das gelingt ihm, auch wenn danach sein Rücken wieder kreischt wie kürzlich nach Franks Unzug. Es kommt zum schönsten Teil: die erworbenen Hausverschönerungsgegenstände in der Wohnung drapieren, Werkzeug zusammensuchen, Pappe zerreißen und schrauben! Bennos Aufbau ist in einem Pamphlet liebevoll gestaltet und im schraubumdrehen nachvollzogen, da bemerkt Glam, dass die Deckenplatte nicht wie die anderen Platten mit Bohrlöchern versehen ist. Hm. Das sieht ihm aber sehr nach Konstruktionsfehler aus! Denkt er. Aber er schaut noch einmal das kleine Montageheft an, um sicher zu gehen. Packt den zweiten Benno aus, siehe da - das Deckenplättchen Bennos des Zweiten ist intakt. Jetzt müsste eigentlich der Moment kommen, wo Glam austickt und den fast fertigen Benno durch die geschlossene Terrassentür knallt. (Nochmal einpacken, back to Ikea, nochmal durch den Laden, nochmal hochschleppen AAARRRGGHHH) Mais non. Glam kocht einen Kaffee, telefoniert schnell noch einmal mit Frau Frost wegen der Karten für nächsten Sonntag, Glam sucht sich die Ikea-Hotline im Internet und findet sie nicht. Also ruft er die Auskunft an (es ist mittlerweile 18.00 Uhr) und dann den alten Schweden, der ein auffächernd geästeltes System des "dann drücken Sie bitte die Taste 1 - 26"-Antwortgerät am anderen Ende der Leitung hat. Nach gefühlten 17 Minuten dann eine Kundenberaterin. Da Glam noch immer gut gelaunt ist und eine unverschämte innere Zuversicht ausstrahlt, dass diese Dame, an diesem kalten schneematschigen Samstag voller Freude seinen Reklamationswunsch geradezu von Zauberhand und mit Charme, Esprit und Wärme erfüllen wird, tut sie das ganz einfach.
"Es tut mir Leid, Herr Dick, früher konnten Sie das defekte Möbel einfach zu uns zurück bringen. Heute nehme ich Ihre Reklamation auf und wir tauschen das Teil per Post. Sie bekommen es direkt aus Schweden, das kann so zwei Wochen dauern."
Glam bedankt sich, weil er froh ist, überschwänglich. Pfeift eine kleine schwedische Melodie ("Newfound Lover", Tuva Novotny), setzt sich auf das von Lucky geschenkte rosa Lammfell und fängt schon mal an die CDs alphabetisch zu ordnen.

Tags darauf: Alle CDs sind geordnet und sobald das Benno-Ersatzteil in der Post ist, herrscht hier musikalisch Ordnung! Garland, Gogos, Guns ´n Roses! Und der Ipod spürt, dass es Sonntag ist und kombiniert Hildegard Knef mit Justus Koehncke. So muss es sein.

Donnerstag, 9. März 2006

GLAM´S FUCKED UP FAMILY

Sie war 23, unverheiratet, er zierte sich noch, seine Eltern erwarteten etwas anderes von ihm als eine Polackin. Sie waren schon über ein Jahr zusammen, als eines Winters sie auf spiegelglattem Eis ausrutschte, sie riss ihn mit hinab, er fiel auf sie, zerquetschte ihr Bein. Trümmerbruch. Ein dreiviertel Jahr lag sie im Krankenhaus. Danach musste er sie ja wohl heiraten. Sie war wunderschön und schwanger. Er ihre Chance auf ein Leben im Reinen, eine ORDENTLICHE FAMILIE, ohne die fünf Schwestern (zwei von ihnen dumm, eine verschlagen), den prügelnden Vater, die hilflose Mutter. Keine Flucht mehr. Und wenn sie sich damals vielleicht nicht geliebt haben, sie lieben sich heute. Sie können ohne einander nicht sein.
Sie hat den Krebs besiegt, hat die Schwiegereltern, die sie nicht mochten, mit denen sie unter einem Dach leben musste, sterben sehen. Immer anmutig, nie hassend. Sie kann nicht in den Spiegel schauen, wenn sie nackt ist - die Mastektomie... sie kann manchmal nicht in den Spiegel schauen, wenn sie an ihre Kinder denkt, aber man redet nicht darüber. Sie liebt ihre Kinder. Ihn mehr als sie. Und weil da so viel Liebe ist, lernt er nicht, auf Hass zu reagieren. Hass ist ihm fremd. Da sind immer Frauen um ihn rum - Mutter, die Tanten, die Omas, die ihn vergöttern. Und als die Jagd auf ihn eröffnet ist, Jungs unter Jungs, steht er da - völlig hypnotisiert.

"Sag mal - hatte ich eine nenenswerte Trotzphase?"
"Nein, Du warst ein ganz liebes Kind."

Meine Mutter hatte im Haus meins Vaters eine beschissene Zeit, so von ihrem 24 bis zu ihrem 44. Lebensjahr, bis endlich die Schwiegergeneration ausradiert war. Mein "Oppa" trank morgendlich einen Korn vor der Arbeit, meine "Omma" war die gefühlskälteste Großmutter nach Joan Crawford, die liebe Schwester meines Oppas stieg nachts in mein Kinderbett und spielte an mir rum als ich sechs Jahre alt war und noch einige weitere Jahre lang - für mich war das normal. Wir waren ja eine normale Familie. Eine ordentliche Familie. Nicht wie die anderen, wo es Scheidungen gab und so.
Als Bärbel Schäfer aufkam, denkt nicht ich war überrascht. Kannte ich ja alles. Das war ja alles gutbürgerlich. Und als ich vor ungefähr einem Jahr meine Eltern mit meinen Kindheitserlebnissen (insbesondere denen mit der Tante) konfrontierte, explodierte die Glam-Familie mal eben ganz furios in Schock. Schwere. Not. Seitdem sind sie sehr supportive. Understanding. Nicht, dass wir über das Thema reden, dafür habe ich ja professionelle Hilfe. Und KateseiDank eine gute Therapeutin. But believe me - it fucks with your brain wenn Du sowas erlebt hast. Und da kannst Du über 30 sein und stellst plötzlich fest, dass Dein Gefühlsleben mit 6 Jahren vergewaltigt wurde und es immer noch Spätfolgen gibt. Und ich schreibe das nicht für Mitleid, sondern - weil es mir besser geht. Weil ich eine verdammt gute Therapeutin habe und langsam wieder Land in Sicht. Hätte ich nie gedacht - Therapie, dass das was bringt. Aber es klappt.

So I knock at the door, take a step that is new
Never been here before
Is there anyone else who´s too
In love with beauty
Playing all of the games
And think three´s company
Is there anyone else who has slightly mysterious bruises?
(Rufus W.)

Tell me the truth

"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting." Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".

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