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Donnerstag, 24. Mai 2007

URBAN GOTHIC oder FOAMING PINK

„Weißt Du, was mich absolut wahnsinnig macht?“
„Was denn?“
„Wenn ich nach Hause komme, und mein Untermieter hat den Schlüssel von innen stecken lassen. Ich hab ihm das schon fünfmal gesagt. Und er merkt es sich einfach nicht. Eine Zeit lang habe ich das Schlüsselloch mit Tesafilm zugemacht, damit er irgendwie mitbekommt, dass sein Impuls gestoppt gehört. Ich hasse es vor meiner eigenen Tür zu stehen und klingeln zu müssen.“
Allein der Gedanke macht mich aggressiv.

Zwei Prosecco auf Eis, zwei Gläser Rotwein zu diesem Zeitpunkt. Später folgen zwei Wodka-Cranberry und ein Becks Gold.

Im BARBIE DEINHOFF wirft ein Fashion-Punk-Mädchen einen Schäferhund-Mischlingswelpen in die Luft und schüttelt ihn nach dem Auffangen liebevoll hin und her. Ich denke an Louise Woodward und die PETA. Anstatt direkt auf die betrunkene Tierquälerin einzuwirken improvisieren mein Popsänger-Freund und ich neue Texte auf die Punkplatte, die gerade abgespielt wird und singen

STUPID PUNK CUNT
STOP THE DOG-SHAKE
DON´T SHAKE THE BABY
BABY DON´T SHAKE THE BABY
DOGGY´S BABY BRAIN GOES FUZZY
STUPID PUNK CUNT
I´LL GET MY GUN
I´LL HAVE MY FUN

Ein berüchtigtes blondes, polnisch geborenes Starlet-Groupie hat sich an eine noch ahnungslose Kreativ-Unternehmerin herangehängt, die noch nichts von der Fatalität ihrer Liaison weiß. Sie duldet, dass man Welpen wirft... Ihre Pudelhündin zeigt Zeichen von Verwahrlosung. Warum sie also vor Agniezka G. warnen?

Wie in einer Edgar Allan Poe-Geschichte erscheint eine junge Frau in der Tür, wabert in den Raum. Sie ist Anfang 20, sehr blass, hat wallendes glänzendes teerschwarzes Haar. Getrocknete Mascara-Tränen zieren ihre Wangen bis auf Nasenspitzenhöhe und es sieht absichtlich aus. Deliberate. Über dieses Wort habe ich mir in den vergangenen Wochen aus gegebenem Anlass (Schlüssel im Tüschloss) viele Gedanken gemacht. Egal. Während ich ihr Gesicht studiere, trifft sie meinen Blick, öffnet den Mund und ruft dem DJ zu „Der starrt mich an“. Recht hat sie und ich starre meinen Mann. Ich halte den Blick und starre sie in einen Stuhl, bis sie einen Buckel macht, sich windet und vermutlich überlegt, welche Schauspielschulen-Erstsemester-Improvisation als nächstes an der Reihe ist. Die ganze Episode schreit nach „Das Kleine Fernsehspiel“.
Mein Pop-Sänger-Freund ist beeindruckt von der Giftpfeil-Kraft meiner nachtblauen Aura und ich selbst wundere mich. (Die Farbe meiner Aura wurde kürzlich im Rahmen eines Drogenversuchs festgestellt.)

Im Roses knöpfe ich meinem Begleiter das Hemd auf und knete seine Brust. Er hat ein paar Kilo zugenommen und ist von TV-Magerkeit zu taktile Sehnsüchte wahr machender zarter Fleischigkeit gereift. Sein Freund sitzt neben mir, abgewandt. Er hat sich in ein Tresengespräch verwickeln lassen – ein charakteristischer Roses-Abend. Dann fällt die Frage, die wir uns mindestens einmal im Jahr stellen, immer im Roses, immer an der Bar: „Glaubst Du dass wir jemals Sex haben werden?“ Ich nicke zuversichtlich und wissend. Bislang hat uns dieses erotische Zögern, das unsere Freundschaft prägt, ausgereicht. Und das wird auch noch ein paar Jahre so bleiben. Wir berauschen uns schon sexlos aneinander, warum übertreiben, wenn es gerade am Schönsten ist? Wir bitten um einen Kellnerblock und schreiben schnell noch ein Lied, das unsere Sehnsucht, die eine hingezogene Vorfreude ist, zum Thema hat.
Dann gleite ich in meinem neuen schwarzen Mantel, der Thierry-Mugler-Raben als Dali-Traumbild erstehen lässt, wie ein Stummfilm-Schatten in ein Kurzstrecken-Taxi, fliege heim, die fünf Treppen empor, stecke den Schlüssel ins Schloss, doch er lässt sich nicht drehen, weil von innen einer steckt. Ich werde lindgrün, meine Krallen fahren aus, meine Haare flattern draculesk und meine bleiche Hand legt sich auf die Klingel und drückt. Nach einigen Geräuschen nächtlich gegen Möbel-klatschenden Fleisches öffnet sich die Tür, der Hund bellt freudig, sein Besitzer blinzelt müde. Der Hund springt an mir hoch, reißt mit seiner Kralle meine Unterlippe blutig und mit meinen Worten spucke ich feinste Bluttröpchen in die Luft.
„FUCK YOU. FUCK YOU – Didn´t I tell you-„
Er schließt seine Zimmertür und ruft „NOT NOW.“
Ich skandiere „I. WANT. YOU. OUT!“

Beim Zähneputzen wird der Zahnpasta-Schaum rosa. Ich habe rosa Schaum vorm Mund. Muss lachen. Ich gehe ins Bett und schlafe einen ruhigen, tiefen, befriedigen Schlaf.

(Das ist mein allererster Blogtext, damals hatte ich nur noch keinen Blog.)

Tell me the truth

"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting." Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".

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