"Schreiben ist für Glamour Dick ein Zwang. Sein Prosastil ist mal witzig, mal melancholisch und immer sehr individuell. Seine Themen reichen von der Hochzeit seines schwulen Freundes bis zu Skurrilem aus der Modewelt. "
So schreibt die Welt Online. Und das freut mich, dass die hier mitlesen. Actually I just needed a bit of a Boost. Das heißt aber nicht, dass ich jetzt wieder ans Telefon gehe. Dazu braucht´s noch.
Nach Mitternacht werden wir drei ziemlich hungrig. Skailight und ich sind seit 4.00 Uhr morgens auf den Beinen und Ella ist heute erst aus London zurückgekehrt.
„Es ist der einzige Imbiss in Paris, wo sie sich ein halbes Jahr später noch daran erinnern, welches Dein Lieblings-Crêpe ist.“
Also stehen wir im Neonlicht der frühlingshaft milden Nacht am Crêpe-Imbiss und ordern. Eine junge Frau stößt zu uns, lange Haare und weit aufgerissene Augen, an denen man erkennt, dass sie blind ist, ohne dass man ihren Blindenstock gesehen haben muss. Sie bestellt sich ein Crêpe mit Banane und Nutella. Ich ordere ein Fromand aux Fromages.
Ah, sagt sie, sie wusste gar nicht, dass es an diesem Crêpe-Stand auch Fromands gebe. Dieser Satz spießt sich sehr eindringlich in unser Bewusstsein. Wie soll sie es auch wissen, wenn sie die Fromands nicht sehen kann? Das sind so Momente, die einem ins Herz stechen, mir jedenfalls. Mit Rufus hatte ich auch Mitleid, dazu später mehr, aber das Problem der Dame mit dem Nutella-Crêpe ist weitaus profunder, insbesondere in einer Stadt, die so wunderschön, so visuell ist.
Der Imbiss-Mann annonciert, dass ein Crêpe fertig ist und die Blinde sagt Dankeschön und streckt die Hand aus. Nein, nein – Missverständnis, es ist Ellas Schafskäse-Crêpe. Ach, da ist noch ein anderes Mädchen, sagt die Blinde und ich füge hinzu, jawohl und noch deux garcons. Ich habe zuviel getrunken, sagt sie und kichert. Das macht gar nichts, wir auch, sagen wir. Und dann – Stromausfall. Mit einem Mal geht alles aus. Licht, der Crêpe-Bräter, wir schauen uns erstaunt um, alle außer der Blinden, und schon ist das Licht wieder da. Aber der Moment hat gereicht, den Herzstich von vorhin ein bisschen zu mildern. Das Dunkle muss sie nicht irritieren, das kennt sie. Dann ist ihr Crêpe fertig, wird in Alufolie verpackt und sie verabschiedet sich. Fällt trotz Blindenstock beinahe noch über einen Stuhl, kichert, sagt noch einmal, wie betrunken sie ist und verschwindet um die Ecke.
Sie sitzt an der Bar und sieht aus wie die Cousine meiner ibizenkischen Lieblingskellnerin: Mitte/Ende 50, lange Haare, enge Jeans, starkes Make-up. Ella, Sakilight und ich haben gerade unsere ersten Getränke geleert, das Konzert Revue passieren lassen und ich muss nun endlich meine Wainwright-Delpy-inspirierte Filmidee schriftlich festhalten, geh also an die Bar um mir Stift und Papier auszuleihen. Auch ihre Stimme erinnert an die ibizenkische Lieblingskellnerin. Reibeisen.
„Allo tu es Americain?“
„Non, je suis Allemand. Berlinois.“
„Aaaaahhhhh! Berlin. J´adore! J´étais la et c´est très liberale! Je suis Monique.“
„Je suis Glam, enchanté!
„Je suis putain, tu sais. Prostitute. Berlin est und paradis pour une putain!“
„Ah, c´est vraie? Do you think I should try it?“
Und die nächsten Minuten erklärt mir Monique die Vor- und Nachteile der Prostitution in Paris im Vergleich mit dem Arbeitsstandort Berlin. Ich hatte gleich gedacht, dass der Laden etwas vom Roses hat, wo man ständig mit fremden Menschen in bizarre und informative Gespräche abtaucht, um dann wieder aufzutauchen und weiter zu schwimmen. Mit einem Lächeln im Gesicht und ein wenig beschwingter als man noch vorher war.
"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting."
Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".