Dienstag, 21. November 2006

GLAMS ROSA STRAUCH

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es mehrere Generationen und sehr sehr viele Frauen gab. Über die Nachteile dieser Auslieferung habe ich bereits geschrieben, aber es gab auch einen Vorteil: meine Tante Rosa. Ausnahmsweise werde ich mal einen Namen nicht ändern, weil ihr Name so poetisch und Zeichentrickfilmmäßig war, dass mir kein adäquates Pseudonym einfällt. Meine Großtante hieß nämlich Rosa Strauch. Tante Rosa hatte ihren Mann und Sohn im Krieg verloren und bewohnte dank Witwenrente ein kleines Einfamilienhaus mit Garten. Tante Rosa hatte den Grünen Daumen. Bei ihr wuchs und gedieh alles, nur der Geraniengeruch im Wohnzimmer im Winter war etwas, auf das ich gerne hätte verzichten können. Tante Rosa wurde nicht von allen Kindern gemocht und das hatte seine Gründe: sie bevorzugte mich aufs Extremste. Wenn wir im Sommer draußen spielten, kam sie mit frisch gebuttertem Zwieback vorbei - selbstverständlich nur für mich, nicht für die Nachbarskinder. Die mochte sie nicht, wie auch sonst keine Kinder, mit denen sie nicht verwandt war. Tante Rosa drohte fremden Kindern mit Prügel, wenn sie sich mir gegenüber schlecht verhielten. Und da sie aufgrund ihres strengen Auftretens eine Respektsperson war, brachte sie den bösen Kindern Ehrfurcht bei.
Tante Rosa bezog diverse Magazine: das Goldene Blatt, die Frau im Spiegel, die Neue Revue. Da sie nichts wegwarf, war ihr Dachboden mein Paradies - dort las ich Bertichterstattungen über Hollywoodparties zu Zeiten, als Marilyn noch lebte. Ich erinnere mich, mit Tante Rosa über Zeitschriften gebrütet zu haben als Romy Schneider heiratete.
"Dieser Biasini - das wird doch nichts. Und rauchen hat sie auch nicht in Deutschland gelernt."
Einmal sah sie mich mit verschränkten Händen sitzen und sagte "Siehst Du - Du betest DOCH!" (Sie war sehr katholisch, ich schon sehr früh sehr ungläubig.)
Anfang der 80er stand Rosa eines Tages in ihrem Garten und gestikulierte dem Nachbarn. Ihr Gesicht wirke verzweifelt und sie brachte nur ein Wort hervor - den Namen meines Vaters. Als er mit dem Arzt eintraf stellte sich heraus, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Name meines Vaters war das letzte, was sie jemals aussprach. Ein paar Wochen sah es bedenklich aus - sie lag im Krankenhaus und uns war klar, dass sie sterben würde. Ich habe sehr viel geweint, damals, und als es ihr plötzlich besser ging, waren wir erstaunt und erleichtert. Sie bezog ein Zimmer in einem katholischen Altenheim, von dem sie das ganze Dorf beobachten konnte. Tante Rosa mochte vielleicht nicht mehr sprechen können, aber zuhören und verstehen klappte noch prima. Und Magazine lesen sowieso. Sie eignete sich hervorragende mimische und gestische Fähigkeiten an und so gelang es ihr sogar mich gegenüber meinen Eltern zu verpfeifen, weil sie mich aus ihrem Panoramafenster heraus hatte rauchen sehen.

Als sie einige Jahre später starb, wurde die Welt noch ein wenig dunkler, als sie schon geworden war, als der liebe Gott die liebe Rosa vom Mittel der Sprache befreit hatte. Diese Geschichte hat keine Pointe. Weder stelle ich regelmäßig Blumen auf ihr Grab (nur unregelmäßig), noch habe ich das Gefühl, dass meine verstorbene Grüne-Daumen-Rosa-Strauch-Großtante über mich wacht. Aber wenn ich an sie denke, sehe ich sie schlesisch lachen, sehe ihr faltiges Gesicht wie einen Holzschnitt und denke, dass ich irgendwann einmal gerne eine Firma nach ihr benennen würde. Rosa Strauch Inc. Und als Logo gibt es keinen rosa Strauch sondern einen Holzschnitt ihres Lachens.

UP HIGH ON THE ROOF

Die Bauarbeiten am Nachbarhaus haben mir ja nicht nur eine Umsetzung meines Wagens beschert, sondern auch eine (wie es scheint) mittlerweile abgeschlossene Mäuseplage. Eigentlich genug. Nur, dass seit gestern fremde Männer auf dem Nebendach sitzen und mir interessiert über die Schulter schauen, ab spätestens 8.00 Uhr morgens. Ich schätze es sind Bauarbeiter. Möglicherweise ein Reality TV-Team. Wenn die da ein Dachgeschoss hochziehen, ist Schluss mit blasen auf der Terrasse meiner splendid isolation. Dann will ich eine neue Mansion. Ein neues Dach, über den anderen. Also drückt die Daumen, dass das bloß Menschen sind, die mein Leben aufzeichnen und ins Internetz stellen.

Tell me the truth

"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting." Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".

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