Sonntag, 27. August 2006

TESS OF THE D´URBERVILLES

Glam war ja mal sehr sehr doll in Natsassja Kinski verliebt, so zwischen seinem 10. und 14. Lebensjahr. Die Bravo war schuld, denn dort wurde ständig über Nastassja Bericht erstattet. Sie war damals das, was gestern Avril Lavigne, vorgestern Britney Spears und heute Lily Allan sind.
So kam es, 1980, dass das Goslarer Kino den Film zeigte, der damals als Roman Polanskis größter Flop gehandelt wurde. In einer grausam heruntergekürzten 90 Minuten-Fassung. Und selbst in dieser Fassung war klar zu erkennen, dass es sich um ein Meisterwerk handelte und mit Nastassja eine Leinwandschönheit ins Rennen gegeangen war, mit der man zu rechnen haben würde. (Ich war übrigens der einzige Gast im Kino.)
Die Langfassung des Filmes lief dann irgendwann im Fernsehen und hat mich umgehauen. Mittlerweile hatte ich Hardys Roman gelesen. Ich habe noch nie eine Romanadaption gelesen, die originalgetreuer war als "Tess". Außer vielleicht "Rosemary´s Baby" - wenn Polanski einen Roman liebt, dann scheint sein Ziel zu sein, das Buch genau so auf die Leinwand zu bringen, wie er es im Lesen erlebt hat. Und, im Falle von Tess bedeutete das - lang! 190 Minuten hatte die erste Fassung (und ich vermisse sie, insbesondere die Szene, in der Tess ihr sterbendes Kind selbst tauft, weil ihr Vater den Priester nicht ins Haus lässt). Polanski gibt dem Auge Raum. Jede Totale könnte ein Gemälde sein. Die Langsamkeit der Erzählung unterstützt die Glaubwürdigkeit der Schicksalsschläge. Kondensiert auf 90 Minuten ist Tess´ Geschichte ein Sturzflug in die Hölle. Er gibt auch dem Herz Raum: wannimmer Tess eine neue Station auf ihrem Weg antritt, erleben wir mit ihr, wie sie sich in ihr Schicksal fügt, das Beste aus ihrer Situation macht. Um so brutaler wirkt es, wenn sie einen weiteren Abstieg machen muss.

Bei Tess kommt alles zusammen, was einen guten Film ausmacht: Eine bewegende Geschichte, eine Filmheldin, wie sie idiosynkratischer nicht sein könnte, ein authentisches Ensemble und eine Bilderwelt, die einen aufnimmt und zweieinhalb Stunden nicht loslässt. A star was born - und kein Regisseur nach Polanski wusste ihn vernünftig einzusetzen.
Schade, dass Nastassja in ihrerm weiteren Karriereverlauf selten Gelegenheit hatte, in einer vergleichbaren Produktion zu spielen. Und auch Polanski hat eine handvoll langweiliger Filme abgeliefert. Gut also, dass "Tess" jetzt auf DVD erhältlich ist (wenn auch nur in der 164-Minuten-Fassung.) Der Herbst kommt, die Abende werden länger. Und wenn jemand Nastassja persönlich kennt: ich würde ihr gerne bei ihrer Autobiografie helfen.

Tell me the truth

"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting." Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".

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