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Mittwoch, 24. Mai 2006

WEITERMACHEN, GEMINI

Stellen Sie sich vor, Sie sind 36, haben gerade ihren Job verloren. Der Imageverlust ist beträchtlich. Eine Liebschaft, von der Sie sich viel versprochen haben, ist ziemlich brutal in die Brüche gagangen. Ihr Alkoholkonsum ist alarmierend und trotzdem wird der Alarm von Freunden und Bekannten (zurechnungsfähige Verwandte gibt es nicht) ignoriert. Dazu kommen die anderen Drogen. Alle verschreibungspflichtig. Alle verschrieben von unterschiedlichen Ärzten, die vom jeweils anderen nichts wissen (wollen). Ihr bester Freund ist Ihr Psychoanalytiker. Er führt sie zurück in die Wurzeln ihres Schmerzes: Konfrontieren, widerholt vergegenwärtigen, Exorzieren. Nur dass das mit dem Exorzieren nicht so recht klappen will. Sie sehen ihn bis zu fünfmal die Woche, und auch am Wochenende ist er Tag und Nacht zu erreichen. Auch er verschreibt Choralhydrat gegen die Schlaflosigkeit. Dann ist da noch Ihr Schauspiellehrer, der Ihnen mit Method-Acting zu Ruhm und Anerkennung verhelfen will. Sie tauchen täglich tief in das Elend Ihrer Kindheit, die größtenteils in Pflegefamilien verbracht wurde, bei Pflegefamilien, die dafür eine staatliche Zuwendung bekamen, unterbrochen von dem einen und anderen Aufenthalt im Kinderheim, wenn es mal wieder nicht so recht klappte (Feindseligkeiten mit anderen Geschwistern, Übergriffe durch männliche Familienmitglieder). Ihre leibliche Mutter verbringt die meiste Zeit ihres Lebens in Nervenheilanstalten, ihr Vater ist unbekannt.

strickjacke

Wenn Marilyn wirklich Selbstmord begangen hat (und sie hatte schon aus rein existentiellen Gründen jeden Anlass für eine schwere depressive Episode und Drogensucht), dann ist sie ein Opfer der Psychoanalyse. Ich frage mich, was aus ihr geworden wäre, wenn sie eine Verhaltenstherapie gemacht hätte. Da geht es nicht permanent um die Bewältigung der Kindheit, sondern um´s Umbewerten und Weitermachen.

Tell me the truth

"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting." Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".

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