„Verflext und nicht zugenäht“ wäre eine angemessene Schlagzeile gewesen, über das, was sich im Agrarmarkt zugetragen hatte, aber auf die war die Goslarsche Zeitung nicht gekommen. Ines las ohnehin nicht mehr. Romane, Rätselhefte, die „Bella“ – all dies war längst inhaltlich und formell irrelevant geworden. Und wenn Ines noch das verantwortungsbereichsbewusste Blatt gelesen hätte, dann wäre ihr höchstens aufgefallen, dass, ähnlich, wie in „Zigarettengeld“ das Wort „Engel“ verborgen ist, in der besagten Lokalpublikation sich die Wahrheit in einer Ortsbezeichnung verbarg. Die Goslarsche Zeitung titelte „Massaker in Schlachtparadies“. Doch da war Ines längst wieder unterwegs. Angeblich unterhielt der „Wiesenhof“ eine Dependance weiter oben in den Bergen. So spannte sie das Haarnetz über den Ahornblättern und schulterte den blutbefleckten WalMart-Rucksack. „Krieg dem Gutfried!“ hatte sie sich mit Menschenblut auf die nackten Schenkel gemalt (rechts „Krieg dem“, links „Gutfried“) und nach dem langen langen Treck, den sie hinter sich hatte, waren ihre Oberschenkel strong in Form. Bevor sie sich nach einem achstündigen Marsch auf einem Moosbeet nahe Clausthal Zellerfeld zur Ruhe legte, kam ihr eine infame Idee: „Ein Pseudonym, ihn zu täuschen...;-)“
Etwas Schlechteres hätte ihr nicht einfallen können und so verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Ängstlich heulte ein Lux auf, als er die Witterung der schläfrigen Kriegerin aufnahm. Doch Ines hatte sich bereits dem Schlaf übergeben und überließ den Monstren ihrer Träume die Macht.
glamourdick - 1. Okt, 10:43
„The photo booth-portrait looks reportage
Tonight we are the exiled working class.“
(S. Duffy)
Mit 17 hört man Musik anders als mit 27 oder 37, dachte ich. Ich hätte Recht gehabt wenn nicht Kate Bush mich gerade wieder drauf gebracht hätte, wie mit 17 zu hören, aber es geht jetzt ausnahmsweise einmal nicht um Kate sondern um einen anderen Musiker, den ich mit 17 gaaaanz gaaaanz doll fand und der ein ehrenhaftes und seltsam fulminantes Comeback quasi im Verborgenen erlebt.
Also es gab mal einen prekären pekuniären Pop-Prinzen, der es bei Duran Duran nicht lange ausgehalten hatte und stattdessen an einer Solokarriere bastelte, die ihm zu genau anderthalb Hits verhalf. („Kiss me“ und „Icing on the cake“) Genervt von der Plattenindustrie und ihren Zwängen rächte er sich mit einem wunderschönen, aber für die Zeit unverdaulichen Album mit dem Titel „Because we love you“, bevor sein Vertrag auslief. Dann tat er sich mit seinem Cousin zusammen, zog aufs Land und machte Folk-Music. „The Lilac Time“, seine Band, zeichnete sich durch scharfsinnig-poetische Texte und lagerfeurige Gitarrenmusik aus und entwickelte sich zu einem Underground-Hit – Die Band lebte in Bromyard, wo sie ihr eigenes Fanzine veröffentlichten (Arts & Crafts-like. Ich bekam es jahrelang zugeschickt) und begeistert vor sich hin musizierten, bis auch eine Plattenfirma nicht umhin kam, The Lilac Time zu veröffentlichen. Aus dem Pop-Prinzen war ein Independent-Star geworden. Nach ein paar Jahren The Lilac Time probierte es Stephen erneut mit einer Solokarriere. Er kollaborierte u.a. mit Nigel Kennedy. Achtungserfolge, aber keine Chart-Hits.
Besagter Sänger und besagte Band gehörten zu den von mir am intensivsten erlebten musikalischen Ereignissen meines späten Teenage und meiner 20ies. Platten, wo man zuhört und parallel die Texte mitliest. Wo B-Seiten noch Bonus-Tracks waren. Als mit Musik einfach alles stimmte.
Im Jahr 2005 höre ich eine Single („Tripping“), die vermutlich irgendwo in den internationalen Top 5 steht und sich auch eine Weile dort halten wird. Im Hintergrund Stephen Duffys Immer-noch-Junger-Mann-Stimme, im Vordergrund Le Rob. Stephen Duffy hat Robbie Williams neue CD co-geschrieben. Er spielt in seiner Band und singt Backgrounds. Er ist jetzt endlich filthy rich und quasi auch berühmt. Nur einmal um die Ecke, aber er ist Zwilling und wird die Twists und Turns seiner Karriere hilarious finden, of this I´m sure.
Und beim Aufräumen fiel mir eine 20 Jahre alte Weihnachtskarte von ihm in die Hand „I love you“ stand darin, und „have a beautiful christmas and a happening new year!“
Mit 17 liest man es gerne, dass sein Star einen liebt, selbst, wenn es nur um die Promo einer Single mit dem Titel „I love you“ geht.
Ich freu mich für Stephen. Und für Robbie. Und „Tripping“ ist eine crazy bitch of a song.
glamourdick - 1. Okt, 10:17