So. Jetzt werd ich zum Spanner. Aber diese Dreier WG im Hinterhof ist wirklich zu süß, wie sie in Unterwäsche mit schlafverstrubbeltem Haar auf dem Balkon in Ramschsesseln sitzt, in einer ganz heterosexuellen Art und Weise, und die Berliner Zeitung liest. Der Kurzhaarige und der Längerhaarige könnten Brüder sein, aber das liegt vielleicht an den identischen roten T-Shirts.
Der Soundtrack des Sommers läuft, die Iris blüht, die Einladungen zum schrecklichen Geburtstag sind raus und ich wünsche ernsthaft, ich wäre heute 20, wo die 20jährigen aussehen wie ich mit 20 aussah. Ich muss grinsen, wenn die kleine J. ins Büro kommt, in abgeschnittenen Jeans mit Leggings drunter. Was habe ich bloß zwischen 20 und 30 gemacht? Nur studiert? Allein in einem Büro gehockt? What a fucked up time. Vielleicht habe ich einfach das meiste vergessen. Es hat sich ja größtenteils durchaus gut angefühlt. Nur zu wenig Sex. Und auch kaum Drogen. Es war halt ein Leben ohne Internet und ich war in den falschen Clubs unterwegs und meiner Zeit eben optisch 15 Jahre voraus. Ich hätte Geld nehmen sollen und wäre heute Madonna. Ich hab ja auch daran geglaubt, dass ich mit 30 ein Star bin - "Express yourself" und so. Heute singt sie "You don´t have to be rich and famous". Schlampe.
Nach dem Gartenfest, das die exzentrische Sängerin aus dem Osten im Garten meiner Eltern für mich gegeben hatte, fand ich mich in einem Raucher-Hubschrauber wieder, mir gegenüber mein zukünftiger neuer Mitbewohner, allerdings in Edelausgabe. Man flog mich in den Libanon, wo ich zum Glamour-Terroristen ausgebildet werden sollte. Und, ja, ich habe mal unter dem Pseudonym Victor Ward gearbeitet.
Aufwachend fiel mir ein Gespräch mit einem Dealer ein.
"Lange nicht gesehen, A.! Wo warst Du denn so lange?"
"Urlaub. Bei meinen Eltern."
"Wo denn?"
"Beirut."
"Ah. Schön."
Manchmal frag ich mich schon, was hinter diesen "ich will nur geil deinen schwanz blasen"-Profilen steckt. Also, das "nur". Froh zu sein bedarf es wenig?
wieviel Scheiße ein einzelnes Mädchen in einem Zeitraum von 5 Stunden von sich geben kann. Ist das Körperverletzung, wenn ich zum Paketklebeband greife?
Die Steuer schreibt mir Briefe. Noch ist alles im Lot, was sich ab 10. Juni ändern wird - vorsteuerpflichitg, erstmals. Und 2007 wird langsam auch fällig, wenn ich es nicht an einenHalsabschneider Steuerberater deligiere. Schicksalshaft erscheint ein junger Mann auf der Türschwelle, der ein paar Monate eine Bleibe sucht und sich hier einmieten möchte.
Manche Menschen haben Angst vor dem Tod, ich habe Angst vor der Steuer. Nicht, weil ich mir etwas zuschulde haben kommen lassen, sondern, weil ich einfach in dieser fiesesten aller Steuerklassen bin und meine Einnahmen und Ausgaben häufig in einer ungesunden Wechselbeziehung stehen, es bleibt selten etwas über. Ich muss sie mir irgendwie ausreden, diese ständige Sorge über Geld. Ständige Sorge ist etwas, das einen aushöhlt, man merkt es zunächst nicht, bis das Nervenkostüm über der Brust spannt und man begreift, dass der emotionale Haushalt schon wieder unter einer irren Fuchtel steht. Ich kann eigentlich voll auf die Zeichen meines Körpers vertrauen, der mir bei derlei Belastung/Besorgnis diverse Alarmglocken orchestriert. Klingt nicht schön.
Vor ähnlichem Hintergrund hatte ich bereits diverse Schiffbrüche mit Untermietern/Mitbewohnern. Financially insecured, an invasion of privacy is a tough thing for me. Aus Luxus heraus seine Wohnung zu öffnen (Couchsurfing) ist etwas Feines. Aber will ich wirklich wieder einen Fremden hier, side by side, on top of the city? Dann wieder sag ich mir - 4 Monate müssen doch zu schaffen sein. Aber ich glaube mir nicht.
"Some of the best creative writing in the world can be found on blogs and on regular, day to day posts on forums just like this. Who knows how far the internet’s effects on traditional publishing will go."
Mo Hayder schreibt das. Eigentlich war ich etwas angefressen mit ihr. Sie hat zwei der besten Krimis des letzten Jahrzehnts verfasst und dann, vor zwei Jahen, einen Roman auf den Markt gebracht, den ich nicht mal namentlich nennen möchte, so langweilig und schlecht war der. Den las ich ausgerechnet, als die Sau Amanda immer wieder meine Chucks anknabberte, auf der Isla Bonita. Nicht genug mit dem Inhalt des Romans - Mo hatte auf der Cover-Innenseite ein Autorinnenfoto veöffentlicht, das sie vor einem Bett sitzend zeigt. Die Laken verkrumpelt und ihr Gesichtsausdruck frisch gefickt. Das ging gar nicht, fand ich. Jetzt, wo in ihrem neuen Roman "Ritual" dasselbe Bild um geile Säcke Leser wirbt, finde ich es lustig.
Die Frau hat ein offenbar spannendes Leben. Sie hat mit 15 die Schule abgebrochen, als Filmemacherin und Englischlehrerin gearbeitet und war Hostess (!) in einem Club in Tokyo. Und ist Mutti. Und sieht hammergeil aus. Und hat nebenbei "Birdman" und "The Treatment" geschrieben, zwei Thriller, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Deren Wirksamkeit beruht auf einer intelligenten Verschmelzung von Barbara Vines Psychologie und einem klassischen amerikanischen Erzählstil. Mo schreibt grausam gut. Und gut grausam. Kein Wunder, dass die Bücher sich verkaufen. In ihrem neuen Roman tut sie sich und uns eine Gefallen- sie bringt ihren gequälten, symathischen, kaputten, verfluchen Cop Caffery zurück. Und schon deshalb verzeihe ich ihr die muschigen Fotos. Lesen!
"Boah - stell Dir mal vor - der ist ja ganz lustig, anderthalb Stunden, aber der ist ja STÄNDIG so! Stell Dir mal vor Du BIST so!"
"Aber ich BIN so."
"Hm. Stimmt."
Ich sitze ja nur am Rande. Zaungast. Aber es nimmt mich mit. Vor 10 Tagen fing es an. Die amerikanische Nachbarin stand weinend vor der Tür. Ihre Großmutter war gestorben und, streng jüdisch, sollte sie binnen 48 Stunden beerdigt werden. In San Diego, Kalifornien. Dank günstiger Umstände ging ihr Flug 7 Stunden später und sie schaffte es rechtzeitig, ihre Grandma auf ihrer letzten Reise zu begleiten. Am Tag darauf fand dann das bewegende Familiengespräch betreffs Tod, Sterben und Bestattung statt. Und eine Woche später sehe ich den besten Freund weinen. Seine Mutter.
Draußen grünt und blüht es. Meine Oma Sofie pflegte zu sagen "im Frühling kommt das Gift aus der Erde". Man solle den Versprechungen des Frühlings nicht aufsitzen. Aber es ist vielleicht ein wenig leichter zu ertragen, das Unerträgliche, wenn einem die Sonne die Tränen zu Salz trocknet.
Ich bin nicht gut im Pflegen oder Trösten. Mir fehlen oft die Worte, weil - was sind die schon angesichts der Katastrophe? Manchmal denke ich - am Besten jetzt gleich mitsterben, dann würde man den Hinterbliebenen noch eine schrecklich Trauer abnehmen, das würde dann doch gleich in einem Tränenabwasch erledigt werden können. Morbid, ich weiß, aber seit zehn Tagen schaut er durchs Fenster, räuspert sich, macht unangenehm auf sich aufmerksam, der Angeber, der, der immer gewinnt. Der Tod.
Überhaupt. Mit Notizblock draußen sitzen und konfuse Gedanken aufzulisten. How pathetic is that? Und dann ist es noch nicht einmal ein richtiges Notizbuch, sondern die Address-Seiten im Kalender. Bin bis L gekommen. Soviele Worte, so wenig Sinn darin.
"It has been said, by someone far wiser than myself, that nobody is boring who is willing to tell the truth about himself. To narrow this down further, someone equally wise said that the things that make us ashamed are also the things that make us interesting."
Douglas Coupland, "Eleanor Rigby".